Volksverdummung im Internet: „Rauchen schützt vor Lungenkrebs“

Volksverdummung im Internet: „Rauchen schützt vor Lungenkrebs“

von Peter Rachow

In der letzten Zeit liest man im Internet immer
wieder Artikel von Autoren, die versuchen, im Gegensatz zu den
wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen, herauszuarbeiten, dass vom
Tabakrauchen keine erhöhte Gefahr an Krebs zu erkranken ausginge.
Wir wollen nachfolgend einen Artikel exemplarisch untersuchen und
ermitteln, welcher Strategien sich die Autoren bedienen, um zu
versuchen, ihre offenkundigen Absurditäten zu belegen.

Hier zuerst der Artikel auf den sich diese Ausarbeitung bezieht:

http://www.doc-germanicus.net/2012/11/pruegelknabe-tabak-….source=pubv1

Wir lesen bereits in der Überschrift, wohin der Autor seine Leser führen will:

Krebsursachen: Radar, Mikrowellen, Radioaktivität!

so titelt er großsprecherisch. Weiter schreibt er:

Was verursacht eigentlich Krebs, insbesondere Lungenkrebs?



Als
Prügelknabe  steht das Rauchen wohl so ziemlich unangefochten
an der Spitzenposition. Dabei schaut man recht grosszügig
über so genannte Ausnahmen von der Regel hinweg, wenn man
realisieren muss, dass es eben auch an Lungenkrebs erkrankte
NichtRaucher einerseits und andererseits Raucher gibt, die steinalt
werden, zuweilen auch schon mal das Alter von 100 deutlich
überschreiten…

Hier erkennt man bereits die evidenten Probleme des Autors, der sich
wohl in krasser Verkennung seiner wirklichen Qualifikation „Doc
GermaniCus“ nennt, die statistischen und stochastischen
Zusammenhänge der Genese von Krebserkrankungen in seiner Arbeit
abzubilden. Vermutlich, weil er sie nicht kennt. Zwischen den Zeilen
kann man nämlich lesen, dass er aus der Tatsache, dass auch
Nichtraucher (in seltenen Fällen) ein Bronchialkarzinom entwickeln
und Raucher eben auch in einer bestimmten Anzahl von Fällen
davon verschont bleiben, die Entstehung eines Lungenkrebs nicht vom
Rauchen abhängen könne.

Wie der Autor auf diese absurde Idee kommt, weiß vermutlich nur
er selber. Was er insbesondere nicht versteht, ist, dass inhalatives
Tabakrauchen vor allem das Risiko
erhöht, an Lungenkrebs zu erkranken aber diese Krankheit nicht
alleine determiniert, denn die Entstehung einer Krebserkrankung basiert
immer auf mehreren Ursachen, sie ist „multifaktoriell“.

So kommen beim Lungenkrebs gesichert schädigende Einwirkungen von
außen als erstes in Betracht. Tabakrauch, aber auch
berufsspezifsche Noxen wie eine Asbest- oder Chrombelastung, sind hier
zu nennen. Genetische Ursachen sind ein weiterer wichtiger Faktor, denn
je nach genetischer Ausstattung kann ein Individuum besser mit
mutagenen Substanzen, wie sie im Tabakrauch enthalten sind, umgehen als
andere Individuen und die entstandenen DNA-Schäden im Zellkern
reparieren so dass es nicht zu einer unkontrollierten Zellteilung kommt.

Und genau diese Risikoerhöhung des Rauchers für das Entstehen
eines Karzinoms wird von Autoren wie „DocGermanicus“ nicht einmal
in Ansätzen korrekt bewertet.

So kann man durch wissenschaftliche Untersuchungen an großen Kollektiven nachweisen, dass

  • 90% der männlichen Lungenkrebspatienten Raucher sind obwohl Raucher nur ungefähr 30% der Bevölkerung stellen
  • im Mittel einer von 10 Rauchern im Laufe seines Lebens an
    Lungenkrebs erkrankt und stirbt (Lebenszeitrisiko ~10%), dafür
    aber
  • nur jeder 200. bis 400. Nieraucher (Lebenszeitrisiko ~0,25 bis 0,5%) ein Bronchialkarzinom entwickelt
„Etwa jeder zehnte Raucher erkrankt im Laufe seines Lebens an
Lungenkrebs, im Durchschnitt 30 bis 40 Jahre nach Beginn des
Tabakkonsums. Zigarettenrauch kann bei acht bis neun von zehn männlichen
Lungenkrebspatienten und bei drei bis sechs von zehn erkrankten Frauen
als Hauptursache angenommen werden.“
(Quelle Krebsinformationsdienst)

Des Weiteren besteht eine Dosis-Risiko-Beziehung beim
Bronchialkarzinom. Diese ist assoziiert mit den „Pack-Years“ also den
pro Jahr akkumulativ gerauchten Schachteln an Zigaretten (mit 20 Stck.
Zigaretten pro Schachtel gerechnet):

Das
Raucherrisiko (für ein Bronchialkarzinom, PR) ist ab 20
„pack-years“ gegenüber dem des Nierauchers um 20- bis
40-fach erhöht.


Die Innere Medizin: Referenzwerk für den Facharzt, S. 391

Als nächstes, nachdem seitens des Autors das Rauchen als
krebserregend ausgeschlossen wurde, begibt er sich auf die Suche nach
den wahren Ursachen dieses tödlichen Lungenleidens. Und, man ahnt
es, er wird fündig. Und zwar zuerst in Form der allseits beliebten
„Psyche“.

„Bereits 1759 beschrieb der englische Arzt Gendron die Bedeutung von
„Lebenskatastrophen, die grosse Sorgen und Kummer mit sich bringen“ im
Zusammenhang mit Krebs.“

Sehr auffällig ist, dass hier eine über 260 Jahre alte
Sichtweise vertreten wird. Es wäre in der Tat
wünschenswert, wenn man sich bei der Bearbeitung eines derart
komplexen Themas nicht auf den Wissenstand von vor 2 1/2 Jahrhunderten
begeben würde. Heute ist nämlich bekannt, dass Krebs keine
psychischen Ursachen hat weil kein entsprechender Zusammenhang
nachgewiesen wurde. Diese mögliche Verbindung zwischen Seelenleben
und Krebsentstehung wurden zwar immer wieder untersucht, aber mit immer
dem selben Ergebnis. Ein Zusammenhang existiert nicht. Es gibt mithin
auch keine „Krebspersönlichkeit“.

„Auf der Suche nach Ursachen für eine Krebserkrankung stellen viele
Menschen spontan einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und
Krebs her. In Studien konnte bisher kein eindeutiger Zusammenhang
zwischen Stress, Depression oder bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und
der Krebsentstehung gefunden werden.


(Quelle Krebsinformationsdienst)

In der Folge versucht der unbekannte Autor „DocGermanicus“ nun
nachzuweisen, dass das Tabakrauchen in Europa seit 500 Jahren
praktiziert würde, man aber bis in das 20. Jh. hinein keine
schädlichen Auswirkungen habe feststellen können:

„Die Matrosen, Pendler zwischen alter und neuer Welt, fanden Gefallen am
Tabak und brachten ihn in die süd- und westeuropäischen Häfen, von wo
aus Händler ihn in der ganzen Welt verbreiteten. Schnell wurde die Sitte
des Rauchens übernommen. Tabak wurde rasch zum teuren und bedeutenden
Handelsgut, wozu auch seine vermutete medizinische Wirkung beisteuerte.
 

Also hatten die Herrschaften Mediziner gut über 300 Jahre Zeit, sich ein
ausführliches Bild von der Schädlichkeit des Rauchens zu machen,
insbesondere um einen Zusammenhang mit dem Krebs herzustellen.

Diese sehr naive Sicht auf das Problem beeindruckt wirklich.

Zuerst einmal muss gesagt
werden, dass Tabak bis zur Einführung großindustriell
hergestellter Zigaretten von nur einer sehr kleinen
Bevölkerungsschicht konsumiert wurde. Weiterhin war die Dosierung
insgesamt sehr viel geringer, da Tabak kein Massenprodukt war und ihn
sich nur wenige leisten konnten. Drittens wurde er früher
üblicherweise in Pfeifen geraucht. Daraus folgt, dass die
Inhalation des Tabakrauches in den Bronchialtrakt entweder gar
nicht oder nur mit sehr geringer Tiefe stattfand. Gerade letzterer
Sachverhalt stellt aber ein erheblich risikosteigerndes Moment für
die Ausbildung eines Bronchial-Ca. dar.

Und nun wird uns dann, neben der allfälligen Psyche, im letzten
Teil des Textes die wahre Ursache der sich rasant ausbreitenden
Krebserkrankungen präsentiert. Es ist, man fürchtet es, die
Radioaktivität.

Ende des Krieges began man Atombomben zu zünden. Nicht nur über
Japan, dem Bikini-Atoll, auch ansonsten weltweit in der Atmosphäre.
Somit wurden mit einen Schlag Unmengen an radioaktiven und radioaktiv
strahlenden Partikeln frei gesetzt. Weltweit!

Auch wenn man heute die Atombombenversuche eher unterirdisch oder als
Computersimulation ausführt, steigt die Strahlenbelastung weiter an. Zu
den vorhandenen Verunreinigungen kommen täglich neue hinzu. Sei es
durch Medizin, Kraftwerken Atommüll oder neuerdings auch durch
Uran-Waffen.

Auch hier leider wieder nur unhaltbare Spekulation. Die Grafik unten
zeigt die Anreicherung von radioaktivem Kohlenstoff (C-14,
Halbwertszeit ca. 5730 Jahre) in der Atmosphäre auf der
Südhalbkugel in Folge oberirdischer Atombombenversuche in den
50er- und 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts:

Andere Isotope mit wesentlich kürzerer Halbwertszeit wie das durch
das Reaktorunglück in Tschernobyl in großer Menge
freigesetzte Cäsium-Isotop Cs-137 mit einer HWZ von ca. 30
Jahren sind ebenfalls in ihrer Belastung für Lebewesen bereits
stark vermindert. Dies entweder aufgrund des natürlichen Zerfalles
oder durch Bindung an anorganische Substrate.

Auch trägt der Anteil der künstlichen Kernumwandlungen nur
einen sehr geringen Anteil zur gesamten Strahlenbelastung bei:

Das größte Quantum an der menschlichen Strahlenbelastung
machen danach das Einatmen von Radon aus dem Boden und die kosmische
Strahlung (welche beide seit Beginn der Erdgeschichte vorhanden
sind) sowie die medizinischen Anwendungen aus neuerer Zeit
aus.

Den Abschluss unseres Autors macht ein Vortrag, dessen Unsinnigkeit an
dieser Stelle nur rudimentär weiter kommentiert werden soll. Wir
lassen „DocGermanicus“ einfach für (oder besser „gegen“) sich
selbst sprechen:

Die
Staaten die ihre Militärs und unbeteiligte Zivilisten direkt und
indirekt den Gefahren  sowohl der radioaktiven-, wie auch der
Radar-Strahlung aussetzten, hatten vielleicht viele Absichten. Für
die von ihnen zu verantwortenden Schäden zu haften, zählte
aber nicht dazu.  So bestritt man lange Zeit all das was man
tagtäglich angerichtet hatte.. Aber man brauchte einen
Sündenbock, einen Prügelknaben. Am besten etwas, womit man
den Opfern hämisch ins Gesicht grinsen konnte: “Du bist doch
für dein Leiden selber schuld!”   OK.. Es musste
natürlich etwas sein, was in weiten Kreisen der Bevölkerung
verbreitet war. Da kam man aufs Rauchen und Passivrauchen.  Allen
Belastungen durch industrielle Produktionsmethoden und deren
Abfälle, dem Massenverkehr, den Atomwaffen und Mikrowellen zum
Trotz, soll allein der Tabak der diabolische Bösewicht sein.
Selbst Parasiten und Infektionen erhalten da noch den Persilschein!
Nein, es kann und darf fortan nur noch der Tabak das Übel der Zeit
sein.

Damit ist also die wahre Ursache für Lungenkrebs gefunden: Eine
große Verschwörung des militärisch-industriellen
Komplexes. Lassen wir das einfach mal so stehen…

Fazit: Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung und darf im Rahmen
dieses Rechtes jeden Schwachsinn verbreiten. Aber muss das denn
wirklich immer sein?

(C)  Peter Rachow (2012)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.